Kunstturntrainer Dieter Petersdorf: "Weltspitze sein, reicht nicht"

  • Kunstturntrainer Dieter Petersdorf wird morgen 70 und  erklärt,  was sich im  deutschen Turnen ändern müsste, damit es  in den Medien wieder  eine Rolle spielt, warum er keine Biografie schreibt und was er mit Ulli Wegner gemein hat.   Kunstturntrainer Dieter Petersdorf wird morgen 70 und erklärt, was sich im deutschen Turnen ändern müsste, damit es in den Medien wieder eine Rolle spielt, warum er keine Biografie schreibt und was er mit Ulli Wegner gemein hat.
Kunstturntrainer Dieter Petersdorf wird morgen 70 und erklärt, was sich im deutschen Turnen ändern müsste, damit es in den Medien wieder eine Rolle spielt, warum er keine Biografie schreibt und was er mit Ulli Wegner gemein hat.
Kürzlich übermittelten Sie bei der Buchpräsentation von Box-Trainer Ulli Wegner in Gera diesem Grüße eines gemeinsamen Freundes. Was verbindet Sie mit Ulli Wegner?

Menschliche und berufliche Übereinstimmung. Hochachtung vor seiner Lebensleistung.

Können Sie das etwas genauer beschreiben?

Unsere Lebensläufe gleichensich sehr. Ulli ist genau vier Wochen jünger, Kriegskind, Flüchtlingskind mit harter Kindheit und Jugend, also stark strafmildernden Umständen. Er boxte sich von ganz unten durch bis zu einem Mythos aber da hört bei mir die Parallele auf. Zum Mythos konnte ich es nicht bringen.

Selbstironie oder Humor?

Mehr Humor, erblich bedingt. Mutter lehrte uns vier Kindern: Hütet euch vor humorlosen Menschen. Sie sind gefährlich. Sie hatte recht. Humor ist eine ernste Sache.

Das war jetzt ein Zwischenschwung, im Kunstturnen ist der nicht erlaubt.

Gut aufgepasst.

War Kunstturnen die falsche Sportart ?

Wenn es nur um materielle Ziele ginge, ja. Aber die Vermittlung prägender Eigenschaften für das Leben und die Liebe zur Sportart zeichnen jeden guten Trainer aus. Das geht nur mit viel Herzblut.

Da gibt es doch wohl noch weitere Parallelen zu Ulli Wegner? Sie planen auch eine Buchbiographie?

Nein. Das überlasse ich den jungen Sportgrößen, die mit 23 Jahren das Bedürfnis haben, in die Weltliteratur einzugehen.

Weltliteratur?

Ja. Rubrik: Bücher, die die Welt nicht braucht.

Turnbücher wären zurzeit wohl kein Verkaufsschlager.

Stimmt. Wen interessiert in Deutschland schon die Sportart Kunstturnen, obwohl 5,1 Millionen Mitglieder im Deutschen Turnerbund organisiert sind.

Turnen ist heute, trotz eines Fabian Hambüchens, eine Randsportart.

Den Begriff haben die Medien erfunden. Aber das Übel liegt in der Sportart selbst.

Sie kritisieren ihre eigene Sportart?

Die Sportart nicht. Sie gehört zu den schönsten und edelsten. Meine Kritik geht in Richtung der Strukturen im Deutschen Turnerbund und in Fragen der Modernisierung der Sportart.

Welche Strukturprobleme sehen Sie?

Der Spitzensport als Aushängeschild geht in diesem Riesenverband unter. Die Landesverbände haben sich aus der Spitzensportförderung zurückgezogen mit fatalen Folgen. Die 5,1 Millionen Mitglieder rekrutieren sich aus allen möglichen Trends und Bewegungsformen vom Rope Skipping bis zu dem alten indianischen Federballspiel Indiaka. Welt- und Europameister mit ihren exzellenten Leistungen bleiben unbekannt. Wir verteidigen bei den Männern im Mai den Titel eines Mannschafts-Europameisters. Der Cottbuser Philipp Boy wurde 2011 Vizeweltmeister im Mehrkampf. Die Frauen sind als Mannschaft wieder in London dabei. Aber Fernseh- und Medienpräsenz und damit Werbeeinnahmen gleich Null.

Klingt nach Medienschelte?

Nein. Die Verbände müssen sich besser präsentieren.

Haben Sie Lösungen parat für Strukturfragen?

Unser Sportsystem wird getragen vom Prinzip der Ehrenamtlichkeit. Alle wichtigen Entscheidungen fallen in diesen Gremien. Die demokratischen Spielregeln ermöglichen bei der Vielzahl der Landesverbände oft Differenzen, die einer positiven Entwicklung entgegen stehen. Andere Länder sind uns in Modellen für die Spitzensportförderung voraus.

Was wären Lösungswege?

Professionalisierung der Leitungsebenen. Jeder kann heute im Sport agieren. Sport ist ja so einfach zu werten und zu bestimmen. Eine Sportwissenschaft hat scheinbar noch nicht die gesellschaftliche Relevanz. Die Landesverbände sind in dieses professionelle System zu überführen. Effiziente Finanzierungsmodelle, Vermarktung und Kooperation mit den Medien verlangen professionell befähigte Amtsinhaber. Das ist aber keine Abwertung für die unzähligen ehrenamtlichen Übungsleiter und Funktionäre, ohne deren Wirken der ganze Sport nicht funktionieren würde.

Turnen war in der DDR Weltspitze und ist es im vereinten Deutschland auch seit 2007 wieder. Turnen ist aber im Fernsehen nur selten zu sehen? Warum ist das so?

Sportarten mit schwieriger Leistungsbewertung und Nachvollziehbarkeit durch den Zuschauer wie zum Beispiel das Kunstturnen oder Skispringen befinden sich im Zwiespalt von Regelwerk und Wahrnehmung. Eine Note 10,0 ist noch heute im Bewusstsein Höchstwert, aber eine 12,8 oder 15,5 erschließt sich dem Zuschauer schwer. Der Zuschauer muss aber das Maß aller Dinge sein.

Wie kann das der Turnerbund ändern?

Durch einen Blick über den Tellerrand, beispielsweise bei der Sportart Biathlon. Aus einer Randsportart entwickelte sich ein Paradebeispiel für die Modernisierung einer Sportart.

Nun aber zu Ihnen. Sie schrieben in Jena ein Stück Sportgeschichte mit, konzipierten mit Rolf Beilschmidt den TuS Jena, waren Trainer, Abteilungsleiter, Gauvorsitzender und stellvertretender Vorsitzender im Thüringer Turnverband. Warum traten sie 2002 aus dem TuS aus?

Der einst solide Verein wurde zur Spielwiese für verantwortungslose Machtmenschen, die den Sport für sehr subjektive Ziele missbrauchten. Das konnte ich nicht mittragen.

Heute ist dieser Verein, der aus dem SC Motor Jena hervorgegangen ist, insolvent. Der letzte TuS-Präsident gibt aber den Sportlern die Schuld an der Entwicklung.

Herr Schwindt als Politiker darf solche Aussagen ungestraft äußern, helfen werden sie ihm aber in der politischen Anerkennung nicht. Die Sportler haben mit den Füßen abgestimmt.

Jena sieht sich als Sportstadt. Braucht die Stadt ein neues Stadion?

Jena ist eine beneidenswerte Stadt der Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft. Universität mit Klinikum, Großunternehmen, Theaterhaus und Philharmonie und reichhaltiges kulturelles Leben prägen diese junge Stadt. Als Sportstadt lebt man eigentlich mehr von der Vergangenheit. Und hier liegen vor allem die strategischen Fehler. Jena benötigt eine dringende Modernisierung des Stadions, aber gleichfalls eine große Mehrzweckhalle.

Wie soll das funktionieren?

Nur im Einklang von Sport, Kultur und Wirtschaft. Dazu bedarf es mutiger Konzeptionen zur Überzeugung des Stadtrates und der Bürger.


Andreas Rabel / 24.03.12 / OTZ
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